08. November 2018
Text & Bild: Tobias Melcher

"But I will survive
Fury, deliver me"

September 2010: Wie Parkway Drives Album "Deep Blue" mein Leben gerettet hat.
Parkway Drive Header

Stell dir vor, dein Leben wäre ein Film, dessen Drehbuch du nicht kennst. Jeder Tag, jede Stunde und jede Sekunde hat ihre Daseinsberechtigung, aber nicht jede davon war wichtig, war besonders oder war gar bedeutend für dich und deinen Film.

Natürlich rasen nun unverzüglich tausende Erinnerungen durch deine Synapsen. Manche drängen sich vor und werfen andere zurück, um als erste vor deinem inneren Auge auftauchen zu dürfen.
Ist es eine schöne? Eine traurige? Etwas Banales? Ein Moment des Glücks? Und welche Musik spielt dazu deinen Soundtrack?

Nach und nach dürften in deinem Gedächtnis noch weitere Bilder eintreffen, und so langsam aber sicher zeichnet sich ein Muster ab. Die Auswahl deiner Erinnerungen sagt einiges über dich aus. Vielleicht weniger über dein Gemüt oder deinen Charakter, als vielmehr über die Umstände, in denen du aufgewachsen bist, über deine Freunde aus der Jugend oder besondere Momente, die dich geprägt haben.
Ist es die eine Nacht in der Diskothek? Der Nebel über einem Tal in Malaysia? Verschwitzt und glücklich auf einem Konzert? Die Klassenfahrt nach Spanien? Der Urlaub am Meer mit den Eltern mit der ersten eigenen Sandburg?
Aneinandergereiht ergeben diese essenziellen Momente, deine Momente, so etwas wie den Trailer deines Lebens.

In meinem Trailer kommt nach den ganzen netten und lustigen Augenblicken ein kurzer Cut, die Musik wird aus dramaturgischen Gründen auf stumm geschaltet – und dann sieht man mich. September 2010, mit beiden Händen am Lenkrad meines alten, anthrazitfarbenen Audi 80. Das erste Lächeln seit Wochen auf den Lippen und Tränen in den Augen.
Im CD-Player läuft „Deep Blue“ der australischen Band Parkway Drive. Mein erster Durchgang dieses Albums überhaupt, Song Nummer acht, Titel: „Deliver Me“.

Ob mit 35, 50 oder 65 Jahren – egal wann ich den Trailer meines Lebens zusammenschneiden würde, jedes verdammte Mal würde man mich dort sitzen sehen, wie ich auf das Lenkrad einschlage und zusammen mit Sänger Winston McCall „But I will survive / I survive. Fury, deliver meeeeeee!“ in diese urplötzlich nicht mehr so grausame Welt hinausschreie.

Der Moment meiner Befreiung, der Moment, als ich eine neue Stufe meiner Selbsterkenntnis erklimmen konnte. Von diesem Schritt in meiner inneren Entwicklung … nein, von diesem Sprung, zehre ich bis heute.

Knapp drei Monate vor diesem Moment hatte ich eine Dame kennengelernt und (typisch für mich damals) sehr schnell lieb gewonnen. Ihre lockere Art, ihre Küsse und das gemeinsame Lachen überdeckten all die Spalten und Lücken, wo es eigentlich nicht zusammenpasste, und so trafen wir uns einige Wochen fast täglich. Mein Herz war hungrig nach Liebe, daher ließ ich mich fallen. Ohne Netz und doppelten Boden.
Als wir dann nach knapp sechs Wochen nicht mehr so viel miteinander lachen konnten, fiel ihr dann doch auf, was wohl offensichtlich war: Es passte nicht, zumindest nicht auf Dauer. Und so beendete sie es. Ich fiel und fiel … und hatte keinerlei Interesse daran, aufgefangen zu werden oder gar mich selbst wieder auf die Füße zu stellen.
In kürzester Zeit verlor ich knapp zwölf Kilogramm an Gewicht, nach Wochen der Trauer und des Weinens war ich ein Geist, emotional war da nichts als ein grauer Schleier der Taubheit, der für mich die Kontrolle übernahm.

Schlaf kaum länger als ein paar Stunden, bevor ich mit den gleichen Gedanken aufwachte, mit denen ich zuvor schon schlafen gegangen war: Was macht sie? Denkt sie an mich? Kommt sie wieder? Was habe ich falsch gemacht?
Ohne es zu merken, hatte ich die Pforte zu meinem Seelenleben einer wüsten und brandschatzenden depressiven Verstimmung geöffnet. Mit wehenden Fahnen marschierte sie ein und plünderte und zerrieb mich und mein ach so kümmerliches Leben.

Wenige Wochen später hatte sich mein Befinden noch weiter verschlechtert.
Mein Appetit blieb verschwunden, ich war permanent müde. Gleichgültigkeit wurde die universelle Währung für jeden neuen Input, alles war unwichtig und egal. Selbst als es wieder Kontakt zu der Dame gab, die alles ausgelöst hatte, erlosch mein Interesse innerhalb von Sekunden.
Oft lag ich einfach nur auf der Matratze, starrte die Decke an und suchte in dieser Leere nach Antworten auf Fragen, die ich mir selbst noch gar nicht gestellt hatte.

Zu dieser Zeit hörte ich, unabsichtlich und mir unbewusst, so gut wie gar keine Musik. Und wenn die Boxen dann doch mal Noten ausspuckten, untermalten sie eher die miese, düstere Stimmung.

Damals arbeitete ich noch in der Nachtschicht. Den Sommer verbrachte ich daher oft in völliger Dunkelheit. Da ich mich für diese Verdunkelung bewusst entschieden hatte, machte ich in Woche Zwei nicht mal mehr die Rollläden hoch und auch selten das Licht an. Nach Woche Drei meldeten sich die ersten Freunde und fragten besorgt nach meinem Befinden, nach Plänen für gemeinsame Aktivitäten. Sie wurden allesamt von mir ignoriert.
In Woche Vier oder Fünf ertappte ich mich überraschend dabei, Selbstgespräche zu führen. Woche Sechs brachte einen knapp 14-seitigen Brief an die Dame hervor, den ich ihr nie schickte und später verbrennen sollte.

Parkway Drive Live

Credit: Abigail Buckler

Dann war es auf einmal September.

Ich kann bis heute nicht sagen, woher ich an diesem sonnigen Tag die Kraft hernahm, um mich anzuziehen. Wieso ich auf dem Weg zur Wohnungstüre ausgerechnet „Deep Blue“ von Parkway Drive aus der Kommode nahm.

Die Band aus Australien erregte seit ihrem offiziellen Debut „Killing with a smile“ mit ihrem brachialen Metalcore international Aufsehen.

Mit diesem Meisterwerk und dem Nachfolger „Horizons“ hauchten sie dem bereits dem Untergang geweihten Metalcore neues Leben ein und spielten sich mit Innovation, Fannähe und einer unfassbaren Wucht bei Liveauftritten an die Speerspitze des gesamten Genres.
Wo andere Gruppen versuchten, sich mit cleanem Gesang oder neuem Sound größere Zielgruppen zu erschleichen, blieben sich die Jungs aus Byron Bay, New South Wales, immer treu – und die Fans danken es ihnen bis heute.

Als dann aber eben „Deep Blue“ im Juni erschien, war ich immer bei dieser Dame. Und dort lief sehr viel Tracy Chapman und Indierock.
In dieser Phase einer Sommerliebe war schlicht kein Platz für den brachialen Metalcore.

Als ich nun aber die CD ins Autoradio legte, dauerte es einige Sekunden, bis der Opener „Samsara“ ganz langsam seinen Weg aus der Stille fand. Nach knapp einer Minute dann die ersten Worte:
„Existence is suffering“, und zeitgleich mit den Drums fing ich an zu nicken, drehte den Schlüssel um und fuhr aus der Tiefgarage.

Das Tor öffnete sich. Dort draußen wartete ein wunderschöner Spätsommertag auf mich. Ohne Plan wohin, fuhr ich rechts und folgte dann einem inneren Autopiloten, während mit „Unrest“ direkt eine richtige Wucht über mich hereinbrach.

Im besten Fall denkt man bei jedem wichtigen Album: „Dies wurde nur für mich geschrieben! Nur für mich. Für genau jetzt!“ Und als ich auf den Text hörte und Winston mich da ernsthaft fragte, „Retrace the steps, retrace the steps. Is this what I have become?“, musste ich das erste Mal fast lachen. Es war kein richtiges Lachen, mehr so ein Schnaufen. Aber gemessen daran, wohin ich die letzten Wochen verschwunden war, tat dieses Schnaufen schon gut.

Und, ohne die musikalische Klasse dieses Album damit irgendwie abwerten zu wollen, waren es (auch hier) die Lyrics des Albums, die mich voll trafen.
Jeder einzelne Song auf diesem Album besitzt mindestens eine Textzeile, die mich beschäftigt, berührt oder mitgerissen hat.
„Consumed, do I feel the rage, growing inside me“ (Sleepwalker). Sofort wusste ich, was gemeint ist. Ich erkannte die Wut in mir selbst, die ich bisher selbst nicht richtig gedeutet oder gar verstanden hatte.

Gemütlich mit 100 km/h fuhr ich ohne Plan immer weiter Richtung Süden, es reihten sich abwechslungsreiche Songs voll Kraft aneinander.

So wurde aus meinem Mitnicken allmählich ein Abfeiern. Jede tolle Stelle spulte ich zurück, um sie nochmal zu hören.
Wieso nicht schon viel, viel früher? Von jetzt auf gleich war vieles besser. Nicht super oder okay, aber besser. Ich parkte auf dem Parkplatz einer Tankstelle, als mit „Deliver Me“ der achte Song anfing.
Zuerst das Geknüppel am Anfang, dann „I see a frail hope, crushed by the weight of the world“ gepaart mit einem deutlich tieferen Gesang, wieder mehr Tempo, wieder etwas Groove. Perfekt. Ich kurbelte das Fenster runter.

Als dann „Fear, it finds me and it binds me“ kam, musste ich auch die Stelle sofort zurückspulen. Noch mal hören. Diese acht Wörter waren der Schlüssel zu einem Schloss im tiefsten Inneren meines Seelenlebens. Es öffnete sich, und nach Jahren verstand ich plötzlich einen Teil von mir, der davor im Nebel versteckt gelegen hatte.
Angst. Wenn man mich damals gefragt hätte, wovor ich Angst hätte, wären dort entweder Scherzantworten (Clowns) oder die typischen Ängste (Verlust von Freunden und Familie, etc.) als Antwort gekommen. Denn eigentlich bildete ich mir einen Großteil meiner Jugend ein, nicht wirklich Angst zu haben. Wollte es mir nicht eingestehen, wollte diese "Schwäche" nicht auch noch haben.

Parkway Drive Live
Parkway Drive Live

Credit: MH

Doch in Wahrheit hatte sich unaufhaltsam eine Angst tief in mir eingenistet und feste Wurzeln geschlagen.
Angst vor neuen sozialen Kontakten und unbekannten Situationen. Die Angst, etwas Neues auszuprobieren und damit falsch zu liegen. Die Angst, einen Standpunkt klar zu vertreten und dafür von anderen kritisiert zu werden. Die Angst, sich selbst Schwäche und Fehler einzugestehen, diese zu verstehen und gegebenenfalls daran zu arbeiten.
Es sprudelten sehr viele Erkenntnisse in mir hoch, mir wurde fast schwindelig.

Dann lachte ich. Dieses Mal war es ein richtiges, echtes Lachen.
Zum ersten Mal seit Wochen. Etwas Schlechtes war gegangen und würde nie wiederkommen. Im Rückspiegel sah ich Tränen in meinen Augen und fragte mich, wohin mein Leben nun führen würde.
Als „Deliver Me“ dann langsamer und ruhiger wurde, wusste ich, was ich brauche, um glücklich zu werden.
Zu lange hatte ich meinen eigenen Wert und mein Glück davon abhängig gemacht, ob ich jemanden an meiner Seite hatte, den ich ebenfalls glücklich machen konnte – oder eben nicht.
Nun aber verstand ich: Ich war auch alleine etwas wert.

Als dann bei Minute 3:32 „But I will survive ... I survive. Fuuuury, deliver meeeeeee!“ durch meine Boxen jagte und ein heftige Eruption eines Breakdowns folgte, schrie dieser Mann mich an. Nur mich. Diese Angst hatte zu Wut geführt, und sie hat mich seitdem nie losgelassen.
Diese Wut galt vielen Dingen und Menschen in meinem Leben, in erster Linie aber mir selbst.
Ich war wütend darauf, viele Erkenntnisse gesammelt, diese aber viel zu selten in Handeln und Taten, in neue Muster und Herangehensweisen umgesetzt zu haben.
Oder aus meinen Erfahrungen und den Fehler oft nichts gelernt und so immer verpasst zu haben, für mich selbst einzustehen.
Diese Spirale der Wut war leider zu einem Bestandteil meines Daseins geworden.

Nach dem Ende des Songs ließ ich ihn gleich noch mal laufen. Und dann noch mal.
Aus dem dritten Mal entsteht die Szene für den Trailer.
Für den Film über mein Leben. Während ich auf das Lenkrad einschlage, schreie ich, mit Tränen des Glücks in den Augen, all die Wut heraus und erschaffe mir so ein kleines bisschen Seelenfrieden.

Ich schaltete dann den Motor ab, stieg aus und ging in die Tankstelle. Dort brauchte ich knapp zehn Minuten, um mir das richtige Getränk auszusuchen, und doch ging es mir gut. Die Schritte fielen mir leichter, die Sonne im Gesicht fühlte sich besser an. Zurück im Audi schaute ich erst mal nur in den blauen Himmel. So blau wie er nur im Sommer sein kann.

Vielleicht war es eine halbe Stunde, vielleicht länger.

Parkway Drive Deliver Me
Parkway Drive Deliver Me

Credit: MH

Dann startete ich den Motor und fuhr weiter.
Das Album ging selbstverständlich auch weiter.
Ich merkte, wie es mich emotional gefordert hatte. Und so ist es bis zum heutigen Tage so, dass „Deep Blue“ für mich in zwei Hälften fällt: die ersten acht Songs inklusive „Deliver Me“, und die restlichen Songs. Damit will ich Songs wie „Home is for the Heartless“ oder „Leviathan I“ nicht schlecht machen, ganz im Gegenteil.

Aber diese Achterbahnfahrt von den ersten Sekunden bis zu diesem erlösenden Erlebnis bei „Deliver Me“ macht es mir bis jetzt unmöglich, „Deep Blue“ als ein ganzes Werk zu sehen.
Mit keinem Wort und keinem Satz könnte ich meine tiefe Dankbarkeit für diesen Moment wirklich komplett ausdrücken.

Auch heute, weit über sieben Jahre später, bin ich nicht der typische Sonnenschein. Weiterhin sehe ich das Schlechte in der Welt und bin vom Düsteren und Morbiden eher fasziniert.
Auch habe ich nicht alle meine Schlachten gewonnen, bin in vielen Punkten noch nicht da, wo ich mich damals gerne gesehen hätte.

Doch ich habe meine eigene Schwäche erkannt und mir im Laufe der Jahre eine sehr gute Beobachtungsfähigkeit meines Ichs angeeignet.
Seitdem finde ich mich toll und kann meine Stärken und Schwächen besser einordnen, verstehe mich und mein Handeln besser, bin so gut wie immer in der Lage auszudrücken, was mich bewegt. Ich wurde somit mehr zu dem Menschen, der ich heute bin.

Am 30. Januar 2016 erlebte ich „Deliver Me“ auch endlich live, in all seiner Wucht. Dort fühlte ich mich natürlich zurückversetzt an jenen Tag im alten Audi 80 und war stolz auf mich selbst und meinen Weg, den ich die vergangenen Jahre zurückgelegt hatte. Ich drohte, innerlich vor Stolz zu platzen, und verlor mich kurz in diesem Moment der Glückseligkeit. Meine Augen waren geschlossen, und so vergaß ich die tausenden anderen Menschen um mich herum. Ich grinste kurz, nur um dann mit all den anderen ein weiteres Mal lauthals der Wut, dem Zorn und der Angst ins Gesicht zu schreien.
Ein weiterer Moment für den Trailer meines Lebens.

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