21. November 2018
Text & Bild: MH

Twilight fades

Das 1998 veröffentlichte Adore war die leise, traurige Frage für die Zeit nach dem Höhepunkt. 20 Jahre später veröffentlichten die Smashing Pumpkins letzten Freitag ihr neues Album „Shiny and oh so bright, Vol.1“.
Smashing Pumpkins Header

14. Mai 1998: Die Schlagzeilen der deutschen Medien werden bestimmt von der Affäre des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton mit einer ehemaligen Praktikantin des Weißen Hauses, dem Verbot der Tabakwerbung in Europa und der wenige Tage zuvor beschlossenen Einführung der Währung EURO, der Helmut Kohl gegen den Willen einer breiten Bevölkerungsmehrheit zustimmt.
In Hamburg ist es einer der ersten verheißungsvoll warmen Frühlingstage des Jahres. Der Spielbudenplatz füllt sich ab Nachmittag mit einem Publikum, das gespannt dem Auftaktkonzert zur Europa-Tour der Smashing Pumpkins mit dem Titel „An evening with the Smashing Pumpkins“ entgegenfiebert.
Dieser Tour waren drei ungestüme Jahre vorausgegangen: 1995 war ihr dritter Langspieler „Mellon Collie and the Infinite Sadness“ erschienen. Hatte der nicht weniger brillante Vorgänger „Siamese Dream“ noch zu sehr unter dem medialen Erwartungshunger nach einem neuen Nevermind gelitten, war „Mellon Collie“ dann die richtige Platte zur richtigen Zeit und das zweite ganz große Album der 90er. Ein Doppelalbum gefüllt mit 28 Songs, die sich herrlich natürlich im Spektrum von wild, glänzend, pompös und zerbrechlich bewegten.

Das Album katapultierte die Band auf Platz 1 der US Charts und anschließend auf eine über ein Jahr lang dauernde Welttournee mit 165 Konzerten.
Im Verlauf dieser Tour starb ein Mädchen während eines Konzerts in Dublin. Auch das Leben des Tour Keyboarders John Melvoin endete vier Monate später in New York nach einer Überdosis Heroin.
Jimmy Chamberlin war der Drogen-Gefährte Melvoins während der Tour und auch beim tragischen Vorfall zugegen. Er rief nachts noch den Notruf und versuchte, den Keyboarder wiederzubeleben, leider ohne Erfolg.

Auf dieses Ereignis reagierten die anderen drei Mitglieder, indem sie ihn wegen des Vorfalls und seines seit Jahren andauernden Drogenkonsums aus der Band warfen.
Es ist nebensächlich, ob man diese Entscheidung als notwendig oder erbarmungslos einstuft. Sicher ist, dass Frontman Billy Corgan auf diese Weise sein musikalischer Seelenverwandter abhanden kam, der ihm auf Augenhöhe begegnen und ihn ergänzen konnte.
Zusätzlich verlor der Sänger auch noch seine Mutter, und seine Ehefrau ließ sich von ihm scheiden.
Später wurde die Band dann noch von der Witwe John Melvoins verklagt.

Angesichts dieser Vorfälle erscheint es normal, dass die Band sich im Februar 1997 nach dem Ende der Welt-Tournee eine Auszeit nahm. Eine Dauer, um zu reflektieren und sich weiterzuentwickeln.

Im Sommer spielte sie nur vereinzelt auf wenigen Festivals, ein kleines Konzert als Überraschung unter falschem Namen in Chicago oder bisweilen zur Unterstützung für Jane’s Addiction, die Rolling Stones oder Neil Young.
Gitarrist James Iha entzog sich dem Korsett der Band und arbeitete an einer im Frühjahr 1998 erschienenen und wenig beachteten Solo-Platte mit dem Titel „Let it come down“.

Zu dieser Zeit war das einzige akustische Lebenszeichen seit der letzten Veröffentlichung der Song „The Beginning is the End is the Beginning“ für den Soundtrack von Batman & Robin.
Schließlich, zum Winteranfang des Jahres 1997 kam die Arbeit an einem neuen Album ins Rollen. Auch wenn das Schreiben der letzten Alben oft ein Drama war, stand die Band dieses Mal vor einer besonderen Herausforderung. „That this was the first time I ever was seriously doubted“, sagt Billy Corgan in einem Interview mit dem Chicago Tribune.

Smashing Pumpkins Gish Era
The Smashing Pumpkins, around 1991
Smashing Pumpkins Mellon Collie Era
The Smashing Pumpkins, around 1996

Durch den Verlust Jimmy Chamberlins wandelte sich der Ton der Band: Weg mit den druckvollen Gitarren und den organischen Drums. Was blieb, waren die wunderbaren Melodien, in einem neuen, leiseren und dunkel-elektronisch anmutenden Kontext.

Die Zuschauer des Konzerts in Hamburg hatten dies vorher jedoch nur erahnen können. Das anstehende Album und „Ava Adore“ als Vorab-Single waren noch nicht erschienen. Dennoch entstand schon durch die äußere Erscheinung ein Verdacht, der sich beim Spielen der noch unveröffentlichten Songs erhärtete: Die Band hatte sich verändert.

In ihren ersten Jahren waren die Bandmitglieder, für ihr Genre typisch, auffällig bunt und trotzdem lässig gekleidet gewesen: florale Prints, bunt-gestreifte Oberteile und hell ausgewaschene, an den Knien weit aufgerissene Jeans.
Erst zur Zeit von „Mellon Collie“ kamen das ikonische ZERO-T-Shirt, silberne Hosen, glitzernde Krawatten und damit ein glamourös-einprägsamer Kleidungsstil.
Die kurz geschnittenen, schwarz gefärbten Haare rasierte sich Billy Corgan nach der Veröffentlichung. Dadurch unterstrich er nicht nur seine hellen, wie aus Porzellan gemeißelten Gesichtszüge, sondern markierte auch deutlich sichtbar einen neuen Zeitabschnitt nach dem Ende des allgegenwärtigen Grunge.

Für Adore reduzierte sich das Farbspektrum der Klamotten nahezu auf Schwarz und Weiß. Das Auftreten in Leder oder einer fast durchsichtigen Bluse harmonierte auf der einen Seite geradezu perfekt mit den neuen Songs, grenzte sie aber auch deutlich sichtbar von ihrer Live-Unterstützung ab.

Darcy Adore Era
James Adore Era
The Smashing Pumpkins, Promo Fotos aus der Adore Ära. Ca. 1998
Billy Adore Era

Kenny Aronof und zwei Live-Percussionists waren es, die die Band live unterstützten. Es erscheint offensichtlich widersprüchlich, bei einer Tour zu einem Album drei Drummer zu verpflichten, auf dem die Hälfte der Songs von der Abwesenheit eines Schlagzeugers lebt.

Für das Schreiben der Lieder hatte man nämlich gar nicht erst versucht, einen Nachfolger zu finden, und griff so auf weiten Strecken, wie schon in den Anfangstagen, auf einen Drumcomputer zurück.
Daraus resultiert der ruhigere, elektronische Ton auf Adore. Dieser schien damals aus der Zeit gefallen und konnte dem Erwartungshunger vieler Fans nicht gerecht werden. Aus heutiger Sicht reifte Adore in den letzten zwanzig Jahre aber mit erstaunlich viel Würde.
„Perfect“, oft zu Unrecht als schlechte Fortsetzung von 1979 kategorisiert, packte mich als Erstes und nahm mich an die Hand auf Entdeckungsreise durch das knapp 74-minütige Album.
„Ava Adore“ mit seinem offenbarenden Refrain, „Daphne Descends“ aufgrund seines atmosphärisch aufreißenden Mittelteils, „Apples + Oranjes“ trotz oder gerade wegen seiner simplen Lyrik, und vor allem die traurig-bezaubernden „Behold! the Nightmare“ und „Once upon a time“ zähle ich beim Schreiben der Zeilen in die vielen Wechseln unterworfene Liste meiner persönlichen Favoriten.

Im Kontext der dramatischen Geschichte dieser prägenden Band der neunziger Jahre zeigt diese Ära die Smashing Pumpkins im freien Fall. Das Album war zu dem Zeitpunkt noch das retardierende Moment. Adore ist die leise, traurige Frage nach einer Zeit nach dem Höhepunkt.
Genau die Magie dieses endlichen Moments ist auf diesem Konzert fühlbar.
Die „Adore“ innewohnende Zerbrechlichkeit findet sich hier genauso wieder wie einige phänomenale Live-Versionen älterer Songs.
Bereits die Hardcore-Punk-Version von „Bullet with the Butterfly Wings“, spätestens der zehnminütige, ohrenbetäubende Abschluss in Form eines Joy Division Covers von „Transmission“, offenbart die geräuschvolle Seite der Smashing Pumpkins.
Allerdings ist für mich die Darbietung von „Thru the Eyes of Ruby“ der Höhepunkt dieses Konzerts. Den Aufnahmen nach zu urteilen gilt dies auch für all jene, welche die Möglichkeit hatten, an diesem Konzert teilzunehmen.
Überhaupt erscheint Hamburg als aufnahmebereites und dankbares Publikum und könnte fast darüber hinwegtäuschen, dass das Album im Vergleich zu seinem Vorgänger weitaus weniger erfolgreich war. Denn leider führte der mit „Adore“ eingeschlagene Weg direkt in eine Sackgasse.

Zwar schaffte es Jimmy Chamberlin nach einem erfolgreichen Entzug zurück, dafür verließ die Bassistin D’Arcy die Band – ironischerweise wegen Drogenproblemen.
Dann kam die für Beobachter schon absehbare, schließlich auch offiziell angekündigte Auflösung.
Das damals vorerst letzte Album „Machina: the Machines of God“ schreckte noch mehr Fans ab. Es sollte eine Art Theaterstück werden, in dem die Band ihre ihr von den Medien zugeschriebene Rolle in übertriebener Art und Weise selbst spielt.
Vielleicht ist es dem unfertigen Konzept oder der fehlenden Erklärung der Band zuzuschreiben, dass fast keiner den Witz verstanden hat.
Somit blieb es ein Album, das sich trotz einiger starker Songs anfühlte wie ein Puzzle, das man nicht gelöst bekommt.
Zwei Teile, die für mich allerdings perfekt zusammenpassen, sind die Musik von „Stand inside your love“ und der dazugehörige Videoclip.
Für viele war das noch mal radikalere äußerliche Auftreten vielleicht ein weiterer Grund, um von der Band Abstand zu nehmen. Für mich harmonieren die Smashing Pumpkins mit den Klamotten des belgischen Designers Olivier Theyskens wunderbar und setzten so vor ihrer Auflösung noch einmal einen für diese Zeit ungewöhnlich ausdrucksstarken ästhetischen Maßstab.

Vielleicht war „Adore“ seiner Zeit voraus, oder hinterher, und schaffte es deswegen nicht, mit dem kommerziellen Erfolg von „Siamese Dream“ oder „Mellon Collie“ mitzuhalten. Vielleicht gingen die Smashing Pumpkins im Übergang der allgemeinen Aufmerksamkeit vom bis dahin angesehenen Alternative Rock zum fröhlich-simplen Pop-Punk oder Nu-Metal mit ihrer Entscheidung zur Schwermut verloren.

Trotz einer halben Reunion im Jahre 2007 haben sie bis heute nicht in ihrer Originalbesetzung zusammen gespielt. Allerdings erscheint diesen Freitag das Album „Shiny and oh so bright Vol1.“ und vereint, abgesehen von Bassistin D’Arcy, alle Originalmitglieder.
Es bleibt spannend, ob es die Band geschafft hat, ihren Sound in die Gegenwart zu katapultieren, oder ob die Frage nach der Zeit auch danach offen bleibt.

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