23. Januar 2018
Text: Celine Lika
Bild: Ben Krueger

Social Media
– Anleitung zum
Unglücklichsein?

Ist ein Ereignis überhaupt passiert, wenn du keinen Snap davon gemacht hast?
Ben Krueger Social Media

Freitagnachmittag in der S-Bahn auf dem Weg nach Hause. Die junge Frau auf der anderen Seite des Ganges wischt träge mit ihrem Daumen von unten nach oben über ihr Handydisplay. Ab und zu tippt sie zweimal kurz auf den Bildschirm.
Der Junge mir gegenüber trägt Kopfhörer; neben ihm liegt ein Schulranzen. Er hält sein Handy quer in der Hand, reißt es immer mal wieder herum und tippt sonst konzentriert mit den Daumen.
Die grauhaarige Dame zwei Reihen weiter schaut lächelnd in ihr Gerät, während sie langsam mit einem Zeigefinger etwas eintippt.
Jeder von ihnen ist in seine eigene kleine, digitale Welt versunken.
Doch eigentlich ist es nicht ihre eigene Welt, und schon gar keine kleine: Twitter, Reddit, Instagram, Snapchat, YouTube, WhatsApp, Facebook, Pinterest – über diese sozialen Medien sind wir alle miteinander verbunden.
Nur ist das etwas Gutes? Und werden wir wirklich verbunden – oder eher getrennt?

Wir alle posten ständig Bilder, Videos und anderen Content, denn: Ist ein Ereignis überhaupt passiert, wenn du keinen Snap davon gemacht hast?
Ich folge einer Kommilitonin auf Instagram, die jeden Tag essengeht. Manchmal wirklich ins Restaurant, aber meistens einfach morgens zum Bäcker. Und dass sie das tut, weiß ich nur, da sie jedes Mal Bilder davon in ihre Story hochlädt. Und zwar mehrere. Ich kann langsam keine Butterbrezeln mehr sehen! #foodporn #nomnom #lecker #cleaneating – #WhoCares?
Klar wollen wir stolz unser Essen herzeigen, wenn es einmal besonders fancy aussieht. So können wir unsere Follower wissen lassen, wie gut es uns gerade geht, und die anderen vielleicht auch ein bisschen eifersüchtig machen.
Aber muss man wirklich jede Mahlzeit vor dem Essen fotografieren?!
Die Follower interessiert bestimmt brennend, was für einen Avocado-Toast man sich heute wieder reinzieht! Ja, ich kann mich nicht mal lange genug gedulden, um ein Bild zu machen. Schließlich ist es ja besonders wichtig, dass das Essen noch unberührt ist, damit es auch wirklich perfekt aussieht (an dieser Stelle eine Empfehlung: Video-Compilations von Boyfriends, die das Essen ihrer Freundinnen umrühren, bevor diese ein Foto machen können, – so viele entsetzte Gesichter!).

Das wirft die Frage auf: Muss man wirklich alles teilen?
Nicht nur, dass vieles uninteressant ist (wie die siebte Brezel in Folge), – manche Dinge gehen andere auch einfach nichts an oder gehören eigentlich nicht in die Öffentlichkeit.
Es ist schon merkwürdig, Mama in einem Facebook-Post alles Liebe zum Muttertag zu wünschen, wenn sie gar kein Facebook hat. Ein anderes, besonders nerviges Beispiel sind pseudo-tiefgründige Texte auf schwarzem Hintergrund. Diese wenigen, passiv- aggressiven Zeilen sind ganz offensichtlich an eine bestimmte Person gerichtet: „Wenn dich ein Mensch enttäuscht, wird es nie mehr wie früher sein, selbst wenn du ihm verzeihst“, „Mit Tränen in den Augen schaue ich auf dieses verdammte ‚online‘ und hoffe, dass es sich in ‚schreibt‘ ändert...“ usw. Wenn der Betreffende das in deiner Snapchat-Story liest, wird er angekrochen kommen... ganz sicher!
Aber manchmal ist dieser unheimliche Drang, etwas zu teilen, eben einfach da. Als meine Mitbewohner und ich unsere Küche neulich beim Kochen spontan in einen Dancefloor verwandelten, wollte ich es sofort in meiner Instagram-Story teilen. Aber warum? Muss ich wirklich allen zeigen, wie viel Spaß wir gerade haben?

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Credit: Ben Krueger

Verpassen wir durch Social Media nicht das echte Leben um uns herum, das nicht in einem virtuellen Raum stattfindet?

Das Leben, in dem wir direkt kommunizieren. Ich finde es einfach nur traurig, wenn Pärchen beim Date im Restaurant auf ihre Smartphones starren, statt miteinander zu reden.
Wenn sich dein Gegenüber lieber mit dem Handy beschäftigt als mit dir, lautet die Message: Im World Wide Web ist gerade etwas interessanter als du. Und das tut weh. Dein Gegenüber macht sich offenbar nicht einmal die Mühe, darüber nachzudenken, worüber ihr reden könntet, und flieht in die Virtualität.
Jeder kennt diesen trägen Griff zum Smartphone, um Momente unangenehmer Stille zu überbrücken. Aber ertappst du dich auch ab und zu dabei, wie du völlig unbewusst aufs Handy schaust?
Manchmal weiß ich gar nicht genau, wie das Handy überhaupt in meine Hand gekommen ist. Oder ich checke ganz kurz das Display und habe direkt danach wieder vergessen, was es angezeigt hat.

Ein Beispiel dafür, wie Soziale Medien das echte Leben überschatten, ist der „Feuerwerk-Effekt“: Anstatt ein Feuerwerk mit den eigenen Augen live zu genießen, wird es gefilmt und fotografiert. Danach hat man zwar zig Videos vom Feuerwerk (die sich niemand ansehen will – nicht einmal die filmende Person selbst).
Aber hat man das Feuerwerk gesehen?
Dieser Effekt tritt auch bei Konzerten auf – trotz des Verbots von Film- und Tonaufnahmen. Sei mal ehrlich: Wie oft hast du dir das stundenlange Videomaterial vom letzten Konzertbesuch angeschaut und nicht nur in deiner Story gepostet? Denke ich mir.

Social Media lenken uns allerdings nicht nur von der Realität ab, sondern wirken sich auch negativ auf diese aus. So können die Sozialen Medien zum Beispiel richtige Beziehungskiller sein.
„Warum warst du laut Instagram vor zehn Minuten aktiv, hast mir aber seit einer Stunde nicht auf WhatsApp zurückgeschrieben?“, „Du hast mir auf Facebook nicht geantwortet, aber dein Snapchat-Score ist um fünf Punkte gestiegen!“, „Warum hast du mein neues Instagram-Bild nach zwei Stunden immer noch nicht gelikt?“.

Diese neue Erreichbarkeits-Thematik erstreckt sich auch auf das Berufsleben: Ist es in Ordnung, wenn ich mich nicht direkt zurückmelde? Ist es in Ordnung, wenn ich nach der Arbeit nicht mehr über mein Handy erreichbar bin? Hier den richtigen Weg zu finden, ist schwer, da es den „einen richtigen“ wahrscheinlich gar nicht gibt.
Doch „zuletzt online“ ist noch nicht alles. Wir sehen, wer welchen Beitrag gelikt hat, wer wem folgt, wer was kommentiert hat usw. Die totale Überwachung durch Social Media macht uns für ungesundes Stalking besonders anfällig.
Erst neulich hat Supermodel Kendall Jenner in einer US-Show zugegeben, dass auch sie schon Fake-Accounts erstellt habe, um ihrem Ex hinterherzuspionieren. Loslassen fällt verdammt schwer, wenn wir das ganze Leben des Ex-Partners noch auf Instagram & Co. verfolgen können.

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Credit: Ben Krueger

Doch Soziale Medien sind mehr als nur ein bisschen störend – Studien haben gezeigt, dass sie sogar süchtig machen können, und vor allem Mädchen im Teenageralter sind davon betroffen.
Fördernde Faktoren sind zum Beispiel Selbstbestätigung durch Likes fürs Insta-Selfie oder Knüpfung und Aufrechterhaltung virtueller Freundschaften bei Snapchat.
Oft ist es auch der Gruppenzwang, der in die Social-Media-Sucht treibt. Wenn du nicht jeden Online-Trend oder das neueste Meme kennst, kannst du nicht mitreden.
Aber auch die Apps selbst sind darauf angelegt, süchtig zu machen. Die Snapchat-Streaks (die Flammen) sind ein eindeutiges Beispiel dafür. Sie zählen, wie viele Tage in Folge sich zwei User Bilder oder Videos geschickt haben.
Eine Bekannte hat in ihrer Snapchat-Story stolz einen Screenshot gepostet, der 365 Flammen mit ihrer Freundin zeigte. Herzlichen Glückwunsch, ihr habt euch ein Jahr lang täglich mindestens ein Selfie geschickt – das ist wirklich was zum Feiern!
Freundschaft ist doch keine physikalische Größe, die man in digitalen Flammen messen kann.

Was mir noch aufgefallen ist: Der Hype um Social Media beginnt in immer jüngerem Alter.
Hat man Kinder früher nach ihrem Traumberuf gefragt, antworteten sie oft mit „Astronaut“ oder „Tierärztin“. Ich wollte immer Prinzessin werden.
Und heute? Viele wollen Influencer oder YouTuber werden. Teilweise ist das durchaus nachvollziehbar, betrachtet man die vielen Annehmlichkeiten, die Social-Media-Stars aus ihrem „Beruf“ ziehen: ein großes Einkommen (pro Post können sie mehrere hundert Dollar verdienen, Großverdienerin Kylie Jenner sogar bis zu einer Million Dollar), Berühmtheit, kostenlose Ware und eine Arbeit, die scheinbar nur aus Vergnügen besteht.
Tja, hätte ich mal bloß als Jugendliche einen YouTube-Kanal erstellt. Wenn ein Elfjähriger mehr Follower auf Musically hat (der Sinn dieser App hat sich mir auch noch nicht erschlossen!) als ich Kontakte in meiner Telefonliste, muss ich mir dann Sorgen machen?
Grundschüler, die mit einem iPhone XS in der Hand den Backpack-Kid-Dance (aka „The Floss“) tanzen und bei jeder Gelegenheit dabben, – da bekomm ich irgendwie Gänsehaut, vor allem wenn ich das mit meiner eigenen Kindheit vergleiche.

Neben der Sucht ist auch die Depression eine Krankheit, die im Zusammenhang mit den Sozialen Medien auftaucht. Dass Hasskommentare und Cybermobbing depressiv machen, ist klar. Doch schon weniger extreme Umstände können unglücklich machen. Ein Overload an Fotos von feinen Sandstränden, jadegrünem Meerwasser in der Karibik und perlendem Champagner in 5-Sterne-Hotels – und plötzlich ist der Wohnwagen-Urlaub am Gardasee einfach nicht mehr gut genug.
Neben paradiesischen Urlaubsbildern werden wir auch ständig mit gebräunten Sixpacks und makelloser Haut konfrontiert – natürlich #nofilter (Warum ist da aber plötzlich ein dritter Arm und der Türrahmen macht eine Kurve?).
Wir sehen all diese scheinbar perfekten Menschen, die perfekte Beziehungen haben und ein perfektes Leben führen, – Eifersucht sowie Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und dem eigenen Leben sind vorprogrammiert. Dabei ist bei Social Media alles buchstäblich gefiltert.
Wir sehen nicht die schlechten Seiten: Streit, Cellulite, Stress, Speck, Pickel oder die 165 anderen Bilder mit leicht veränderten Posen (lächelnd oder ernst, Haare auf diese oder jene Seite gelegt), die verworfen wurden, bis das eine „perfekte“ Foto herauskam (Bei mir läuft das so, dass ich hunderte Fotos mache und das eine, das mir gefällt, so lange anstarre, bis ich es auch schrecklich finde.) Dieses ständige Filtern führt dazu, dass viele junge Menschen mit Selbstzweifeln und Unsicherheiten kämpfen. Sie denken, sie sähen nicht gut oder zu „normal“ aus, nur weil sie nicht dem „perfekten“ Model auf Instagram gleichen.

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Credit: Ben Krueger

Da freue ich mich immer über ein bisschen „realness“ bei Social Media. Ehrlichkeit von Instagram-Persönlichkeiten wie Karina Irby, Bella Thorne, Ashley Graham und Chessie King ist total bewundernswert.
Akne hier, Cellulite da, unrasierte Achseln, und was auf den ersten Blick ein Schwangerschaftsbauch zu sein scheint, ist nur ein extremer Fall von Bloating – mit so etwas kann ich mich identifizieren!

So können die Sozialen Medien auch für den Feel-good-Faktor sorgen, denn wir erkennen: „Ich bin nicht allein damit!“.
Und das ist nicht ihre einzige positive Seite. Sie fördern visuelles sowie assoziatives Denken, und mehr Menschen können durch sie lesen (wenn sich auch über die Entwicklung der Rechtschreibung streiten lässt).
Social Media sind Orte der Inspiration, des Zeitvertreibs und ja, auch Orte der Verbindung. Nach der Schule, nach der Uni, nach einem Umzug, nach einer Kündigung – mit jedem neuen Lebensabschnitt trennen wir uns auch immer von Menschen. Dann helfen uns Social Media dabei, Kontakt zu halten.
Oder auch überhaupt erst Kontakt aufzubauen. So habe ich beispielsweise eine US-Amerikanerin über eine Tandem-App kennengelernt, und eine Freundin ist mit ihrem Partner durch Instagram zusammengekommen: Er hat ein paar ihrer Bilder gelikt, sie hat einige seiner Bilder gelikt, dann haben sie auf Instagram Direct Message geschrieben und Nummern ausgetauscht – a modern Love Story, still better than Twilight.
Schließlich verbinden die Sozialen Medien auch Menschen, die eine Leidenschaft teilen: „Beauty Boys“ wie Patrick Simondac, Manny Gutierrez oder James Charles haben mit YouTube eine Plattform gefunden, um Makeup für Männer populär zu machen.

Fazit?
Wie bei so vielem gilt auch für Social Media: alles in Maßen. Das „richtige“ Maß zu finden, klappt bei mir am besten mithilfe einer Selbstreflexion: Was und wie viel tut mir gut?
Auch das Hinterfragen meiner Motive – „Wieso will ich das jetzt teilen? Möchte ich anderen irgendetwas beweisen? Und wenn ja, was?“ – kann hilfreich sein.
Generell gilt für mich: einfach mal abschalten, das Handy weglegen und den Augenblick genießen. Den Mitmenschen die ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, die du dir für dich selbst wünschst. Den Ex auf Facebook entfolgen, das neueste Karibik-Foto nicht anklicken und das Konzert mit allen Sinnen erleben.
Schließlich leben wir für uns – und nicht für unsere Follower.

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